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PFARRKIRCHE LIGGERSDORF

Kreis Sigmaringen; Diözese Freiburg i.Br.
Patrozinlum Kosmas u. Damian (27. September)

 

1. Die Ortsgeschichte und Bauzeit.

kirche_innen.jpg Abseits vom Verkehr südlich von Meßkirch liegt zwischen 2 uralten Heerstraßen unser Dorf, eines der ältesten in Hohenzollern. Der 2. größere Gletschervorstoß der Eiszeit machte in unserer Gegend Halt; der Höhenrücken südlich des Dorfes ist eine seiner Endmoränen. - Nach einer Urkunde der Chronik von Petershausen (bei Konstanz) vom 12. März 970 vermachte der heilige Gebhard sein Besitztum mit Liggersdorf (Liuterestoref im Linz- später Hegau) der Kirche zu Konstanz, 983 schenkt er es als Bischof dem von ihm gestifteten Kloster Petershausen. Liggersdorf leitet sich wohl vom althochdeutschen Männernamen Liudiger ab. - Als Pfarrei wird das Dorf 1275 zum erstenmal urkundlich erwähnt, doch ist sie älter. 1442 stifteten die Edlen Burkhart u. Wolfg. von Jungingen eine Kaplanei dazu. Ihr Wappen (heute übertüncht) befindet sich am Schlußstein des Turmuntergeschosses. Im 13. Jahrh. gehört Liggersdorf zur Herrschaft Hohenfels. Später kommen Burg und Herrschaft an die Herren von Jungingen, die sie 1473 an Hugo v. Landenberg verkaufen. Von diesen erwirbt sie 1479 das Spital zu Überlingen. 1506 kauft der Deutsch-Ordens-Ritter-Komtur Wolfgang v. Klingenberg die Herrschaft für den D. Ritterorden. Nach Aufhebung des Ordens 1806 fällt sie an das Haus Hohenzollern. - Baubeginn der jetzigen Kirche 1710. Der Turm (15. Jahrh.), in dessen unterem Geschoß sich der Chor befand (jetzt Sakristei), blieb bestehen, war aber ursprünglich wahrscheinlich nicht so hoch wie heute. Das gotische Sterngewölbe mit einfachen Rippen sowie der Chorbogen des ehem. Chors sind noch erhalten. Die Längsachse der heutigen, größeren Kirche steht senkrecht zur Längsachse der alten in Nordsüdrichtung (vgl. die Chronik des ehem. Pfarrers E. Schon auf Grund alter Kirchenrechnungen). - Zunächst scheint man den früheren Hochaltar belassen zu haben; dagegen wurden durch den „Schreiner von Altshausen“ 2 neue Nebenaltäre verfertigt (vgl. die Marmorplatte des Stifters C. v. Eggs beim lk. Nebenaltar). Kirchweihe 1718. Da am 3. Mai d. J. die Kirche in Deutwang durch den Generalvikar von Konstanz, den Bischof Konrad F. v. Tricale, konsekriert wurde, darf man annehmen, daß dieser auch die hiesige Kirche bei derselben Gelegenheit geweiht hat. - 1727 wurde dann ein neuer, der jetzige Choraltar aufgestellt (428 Gulden). - 1756 bekam die Kirche aus Rom Reliquien der Hl. Kosmas und Damian. Es sind wohl dieselben, die in den Reliquien-Pyramiden gefaßt sind. - Die Decke des Schiffes wurde erst 1762 angebracht. Ob die alte Decke schadhaft geworden war oder ob sie überhaupt nur provisorisch gemacht wurde, kann nicht mehr festgestellt werden. 1762 entstanden auch die Deckengemälde im Langhaus und das schön ausgeführte Wappen des D.-R.-O..Landkomturs v. Königseck. 1764 wurde die neue Kanzel aufgestellt, 1788 malte A. Mesmer das Chorfresko. 1804 ließ der damalige Pfarrer und Ordenspriester Schibl die 5 Altarbilder anschaffen, die 1935/36 erneuert wurden. 1816 errichtete man die jetzg. Seitenaltäre. 1830 vergrößerte man zunächst die Orgelempore. 1856 wurde das Schiff der Kirche nach Plänen des Baumeisters W. Laur rückwärts verlängert: der Teil der heutigen Orgelempore.

Literatur: Die Bau- und Kunstdenkmäler in den Hohenzo1lerschen Landen. Stuttg. 1896. - Dr. H. Schnell. Die Pfarrkirche in L., Hohenzoll. Volksztg. Sigmaringen, 7. u. 10. IX. 1931. Nr. 214/17. AH. Was das alte (Ligg.) Zinsregister erhält. In „Heimatklänge“. Beil. z. „Zoller“. Tagblatt i. Hechingen. Nr. 2 und Nr. 7. v. 2. 1. 22. II. 1936. - Zu F. Wocher vgl. Oberrhein. Kunst 11 5. 40 (Freiburg. Urban-Verlag); A. P. „Ein Konstanzer Hofmaler‘ Köln. Volksztg. Nr. 82 v. 22.111. 1936. - Zu Anton Sohn: Willi. Fraenger. Der Bildermann v. Zizenhausen. Verlag Engen Rentach, Erlenbach-Zürich u. Leipzig, 1922 u. A.P. in Köln. Volksztg. Nr. 33 v. 2. 11. 1936. - Dr. J. Baum, Führer durch das Ulmer Stadtmuseum 1930. S. 90.


2. Künstler.

Die Decke des Langhauses und damit wohl weitere Ausgestaltung 1762 an den Baumeister des Deutschen Ordens in Altshausen. Bagnato, verakkordiert. Der Zeit nach kann es nicht Giov. Gaspare sein, der den Plan zu der reizenden Johann-Nepomuk-Kapelle an der Meßkircher Kirche lieferte (1733/34 ausgeführt, vgl. Führer Nr. 122/23), sondern sein Sohn. Er erhielt 1200 fl. Der Hochaltar 1727 von Bildh. Joh. Hagenauer von Pfullendorf u. Schreiner Jakob Herbst, Liggersdorf. Die Fassung um 550 fl besorgte der Meßkircher Maler Nik. Spiegel. - Die Deckenfresken im Langhaus von Fr. Jos. Zürcher inv. et pinx. 1763; das Chorfresko von A. Mesmer 1788, der auch in Zwiefalten arbeitete. - Anton Sohn (geb. 28. 8. 1769 in Kümmerazhofen bei Waldsee, 1784 schon bis 1791 in Italien als Maler, verheiratet in Zizenhausen bei Stockach, 1841) malte 1802 „Anbetung der Hirten“, 1803 „Abendmahl“ (vgl. die gute Monogr. von Fraenger!). Von ihm wohl auch die Bilder der Fastenzeit: Geißelung u. Dornenkrönung, da die Bilder zu gleicher Zeit bestellt wurden. - Von Hofmaler Joh. Frdch. Thadd. Wocher 1765 „Sterbestunde“. Dieser im Dienst des Fürsten von Fürstenberg stehende Maler stammt aus Mimmenhausen bei Salem (geb. 6. 3. 1726, gest. um 1805). Sein Bruder Tiberius malte in der Pfarrkirche zu Schloß Zeil. - Die guten Kreuzwegbilder sign. von Joh. Stutz, Hoßkirch 1759. - Das Hochaltarbild des 19. Jahrh. (jetzt seitlich im Chor) 1889 von Jul. Frank München: Maria übergibt das Skapulier. - Zwei Nebenaltäre 1816 von Bildh. Alois Dürr v. Uberlingen und Bruder Maler Sebastian Dürr (255 fl.), letzterer malte außerdem das Johannesbild des rechten Nebenaltares. Das Bild des linken Altares verschollen. Jetzt an dieser Stelle ein Verkündigungsbild von Lütz, Sigmaringen, 1850. 6 Messingleuchter des Hochaltars 1749 von Glockengießer Rosenlechner, Konstanz. Die beiden noch erhaltenen Meßkännchen aus Zinn lieferte 1751 der Zinngießer in Stockach. - 1819 sechs weitere Messingleuchter v. Glockengießer Felix Koch in Mimmenhausen. - Am Fuß der Monstranz: C. K. A. M. 1695. Der Stempel zeigt einen Adler und die Buchstaben I. F. H.

 

3. Der Raum.

Der geräumige Rechteckbau mit einer Flachdecke erhält sein Licht durch je 4 Fensterachsen. Flache Pilaster umrahmen dieselben; die leichte Rundung, die zur Decke überleitet, ruht auf einem durchlaufenden Gebälk auf. Die Kartuschen, der Chorbogen u die Fensterabschlüsse sind leicht, aber formensicher stuckiert. Der Name dieses begabten Künstlers ist leider unbekannt. Der eingezogene Chor schließt in 3 Achteckseiten. Seitlich der Turm.

 

4. Innenausstattung.

Raum und Ausstattung überrascht. Mit einfachen Mitteln ist ein Kunstwerk geschaffen, dessen Höhepunkt in der Chorgestaltung liegt. Die Gebälklinie reich; unter vielen Fahnen (Stuck) das Wappen des D.-R.-O.-Landkomturs v. Königseck. Breit lagert sich der stattliche Hochaltar, der wegen des Chorbogens selten ganz gesehen werden kann und deshalb noch breiter, aber zugleich malerisch wirkt. Das Bild von A. Sohn 1802 stellt „Die Anbetung der Hirten“ dar. Sohn besitzt großes Können in der Komposition; aus Personen und Gruppierung spricht lebendige Teilnahme. Man konnte die Bilder wie in so vielen süddeutschen Kirchen dem Kirchenjahr entsprechend auswechseln. 1936 bestens wiederhergestellt, schmücken sie heute die Kirche in ihrer Größe und Farbigkeit. Dem hier aufgezeigten Leben Christi ist das seiner Jünger zur Seite gestellt: In den 2 Altarnischen die guten, barock empfundenen Figuren der Kirchenpatrone, der heiligen Brüder Cosmas u. Damian, der Ärzte, die in der einen Hand ihre medizinischen Fachinstrumente tragen, in der anderen das Buch der Bücher und die Martyrerpalme. Die Kranken bekreuzten sie und leisteten, was menschliches Können vermag, schrieben aber die Heilung vor allem Gott zu, dem sie jeden Kranken empfahlen. Als 1549 ihr Reliquienschrein aus dem protestantischen Bremen nach München, St. Michael kam blühte ihre Verehrung auch im Barock wieder. An den Figuren erfreut vor allem auch die selten schöne und vornehme Original-Fassung. Ob Hagenauer selbst diese Plastiken schuf? Über dem Altarbild das Wappen des D.-R.-O.-Komturs v. Reinach Das alte Oberbild zeigt die heilige Dreifaltigkeit, zu der uns Christus Weg ist, der im Tabernakel wohnt. (Neue Messingtüren v. Mauch, Rottenbg. Das lebendige Deckenfresko von Mesiner 1788 zeigt die allumspannende Verehrung der Mutter des Erlösers durch die 4 Erdteile. An der 1k. Chorwand hängt das empfindungsvolle hochgotische Kruzifix mit den Figuren Maria u. Johannes. Gegenüber das Skapulierbild v. J. Frank 1889. Seit 1722 besteht hier eine Skapulierbruderschaft. Die 2 Seitenaltare von 1816 sind einfacher gestaltet, doch weckt das Bild Johannes d. E. auf Patmos unser Interesse. Rechts die Figuren hl. Josef und hl. Barbara, lks. Sebastian und Rochus. An der Kanzel, 1764 wohl aus Altshausen, fallen die feingeformten 4 Evangelistensymbole auf, die künstlerisch erfühlt sind wie der Abschlußzapfen, der wohl ein Symbol der Taufe darstellt. Auf dem Schalldeckel die Symbole des Alten Testamenten: Englein mit der Gesetzestafel. - Gegenüber eine Kreuzigungsgruppe mit der Schmerzhaften Muttergottes, eine bessere Arbeit des 18. Jh. Vom Meister der Kanzel stammt auch der reichgezierte Glasschrein mit dem Prager Jesuskind. Gegenüber eine ausdruckshafte Pieta des 18. Jh. - Rechts vorne „Christus im Kerker“, rückwarts beim Eingang der Grabstein (Empire) der Frau Hofrat Widmann, Hohenfels 1815. 2 bar. Bilder der Kirchenpatrone. - Der Blick auf die Decke zeigt uns bei der Orgel ihr Martyrium in Cilicien unter Kaiser Diokletian, ferner rechts St. Johann Nep., Franz X., Florian und die 8 hl. Jungfrauen; links: Der Pilger mit dem Brief wohl der hl. Alexius, hinter ihm Aloisius, die hl. Barbara mit dem Kelch und ein Bischof (?) mit Schwert u. Buch, mit der Inschrift: Deus meus et omnia, die dem hl. Augustin zugeschrieben wird. Hiezu gehören die 4 Kartuschen mit Symbolen des Glaubens, der Hoffnung u. der Liebe. Der 1. (vorn rechts) stellt den Altar des wahren Gottes dar: In salutem omni credenti (Röm. 1). Uni solo Deo. „(Das Evangelium ist eine Kraft) zum Heil für jeden, der glaubt. Dem einen und einzigen Gott.“ - 2. (vorne links) Kreuz, Kelch, Schlüssel: Sancti per fidem vicerunt (Hebr.). Fide non erramus. (,‚Die Heiligen siegten durch den Glauben. Im Glauben irren wir nicht.“) Die Symbole bezeichnen den Glauben in erweiterter christl. Form: an die Erlösung (Kreuz), an die Sakramente (Kelch) und die Kirche (Schlüssel). - 3. Symbol der Hoffnung: Pflug mit Ähren, Anker ii. Sichel: Gloriamur in spe filiorum (Röm. 5). Singulariter in apo (Ps. 4). (,‚Wir rühmen uns ob der Hoffnung der Kinder Gottes. Einzig der Hoffnung.“) 4. Symbol der Liebe: Der Adler, der zur Sonne fliegt. Das Spruchband lautet: Portio mea in terra viventium (Ps. 141). Non est in alb salus. (,‚Mein Anteil im Lande der Lebendigen. In keinem anderen ist Heil.“) - Ferner vorhanden eine sehr schöne Monstranz (1695), ein versilb. Tragkreuz, Barock; ausgezeichnet das Wettersegenkreuz (1772) mit Kreuzpartikel.

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Das ausdrucksvolle gotische Kreuz. Foto Marmon, Sigmaringen
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Die Kirchenpatrone am Hochaltar: St. Cosmas und Damian.
Schöne. vornehm gefaßte Rokokofiguren

 

5. Äußeres.

Am schönsten ist der Blick auf der Straße von Sentenhart. Dann ragt der im unteren Teil gotische Turm mit seinem Treppengiebel auf der leichten Anhöhe wie eine Burg über dem Dorf. (Die kleine älteste Glocke stammt aus dem 15. Jahrh.) Die Südansicht ist leider durch den Treppenaufgang des 19. Jh. nüchtern, doch wirkt das alte Kaplaneihaus in seinen proportionierten Verhältnissen harmonisch.

 

6. Stil.

Turmuntergeschoß und Kreuzigungsgruppe gotisch. Kirche und Ausstattung Rokoko, 18. Jh.; 2 Nebenaltäre Empire. Tabernakeltüren modern (1936).

 

7. Wiederherstellungen.

1852 Neutünchung durch Bregenzer v. Sigmaringen. 1856 Verlängerung des Langschiffes. In den 70er Jahren Überstreichung der Altäre, später der Wände. Das Erdbeben 1911 Feuchtigkeit u. a. hatten der Kirche geschadet. Die dringliche Wiederherstellung erfolgte im Inneren der Kirche 1935. Hiebei kamen die alten schönen Fassungen der Altäre zu Tage u. die Kartuschenbilder. Die alten Altarbilder wurden hervorgeholt u. von Restaurator und Kunstmaler Steidle, Sigm., aufs Beste wiederhergestellt. Die Renovation der Wände, Stuckarbeiten, Figuren u. Altäre hatte die Fa. Marmon, Sigmaringen übernommen. Die Deckengemälde erneuerte Kunstmaler Lorch, Sigm. Die ganze Renovation stand unter der Leitung des Landeskonservators Reg. Baurat Genzmer, der mit viel fachmännischem Wissen u. feinem künstlerischen Gefühl die Kirche in ursprünglicher Schönheit u. Stilreinheit erneuerte, sodaß sie ein Kleinod der heimatlichen Kunst- und Denkmalspflege wurde.

 

8. Würdigung.

Von Jahr zu Jahr erkennt man mehr, welche Werte der Kunst, des Volkstums und echter Religiosität nicht nur in den alten Kloster-, sondern auch in unseren Landkirchen versteckt liegen. Der Raum der Kirche ist einfach, aber ein Bagnato hat die Wände mit künstlerischer Hand lebendig gestaltet. Die Fresken treten gegenüber den schätzenswerten Hochaltarfiguren u. Evangelistensymbolen an der schönen Kanzel zurück. Wertvoll die gotische Kreuzigungsgruppe. Den Heimatforscher interessieren aber vor allem die bemerkenswerten, bisher völlig unbekannten Bilder von Wocher - eine auch ikonographisch beachtliche Darstellung einer Sterbestunde - und von A. Sohn. Die Tonfiguren des letzteren sind gesuchte europäische Museumsstücke. Nun sind von ihm auch Bilder aufgefunden worden. Die Komposition (bes. im Abendmahl) überschreitet das Alltägliche trotz italienischer Schulung siegt das Einheimische und Bäuerliche in Auffassung, Köpfen und Haltung, sodaß er zu unseren köstlichsten Meistern der Heimat zählt. Die Liggersdorfer Pfarrkirche ist durch die eben beendete, gutgelungene Renovation nicht nur wieder ursprünglich hergestellt, sie besitzt vor allem gute Werke der Heimat.

Hugo Schnell. Pfarrer August Reiber.
DREIFALTIGKEITSVERLAG MÜNCHEN 42
1936, Führer Nr. S150

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Links .AbendmahI v. A. Sohn 1803. Rechts: der Priester und St. Michael leiten die christl. Seele zum Himmel. Bild v. Hofmaler Joh. F. Wocher 1765. Foto G.Steidle, Sigmaringen

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